Patellofemorales Schmerzsyndrom: Ursachen und Behandlung

Warum das Knie beim Treppensteigen, Joggen oder längeren Sitzen schmerzt und wie Sie mit gezielten Übungen die Belastbarkeit verbessern können.

Sportliche Person umfasst ein schmerzendes Knie; eine rote Markierung hebt den Bereich der Kniescheibe hervor.

Beim Treppensteigen zieht es vorne im Knie, nach längerem Sitzen schmerzt das Aufstehen und beim Joggen werden die Beschwerden stärker. Dahinter kann ein patellofemorales Schmerzsyndrom stecken. Es betrifft häufig jüngere, aktive Menschen, kommt aber auch ohne intensiven Sport vor. Angepasste Belastung und angepasstes Training können die Beschwerden lindern.

Was ist das patellofemorale Schmerzsyndrom?

Das patellofemorale Schmerzsyndrom (PFSS), auch femoropatellares Schmerzsyndrom genannt, bezeichnet Schmerzen rund um oder hinter der Kniescheibe (Patella). Bei jeder Kniebeugung bewegt sich die Kniescheibe in einer Gleitrinne des Oberschenkelknochens, der sogenannten Trochlea. Beschwerden können auftreten, wenn die Belastung die aktuelle Belastbarkeit des Gelenks übersteigt. Das bedeutet nicht automatisch, dass der Knorpel geschädigt ist.[1]

Im Englischen wird PFSS oft als Runner's Knee bezeichnet. Der deutsche Begriff «Läuferknie» meint dagegen meist das Tractus-iliotibialis-Syndrom mit Schmerzen an der Knieaussenseite. Beim Patellaspitzensyndrom sitzt der Schmerz typischerweise punktuell an der Patellasehne direkt unterhalb der Kniescheibe. Eine genaue Unterscheidung verschiedener Knieschmerzen ist deshalb sinnvoll.

Schmerzen hinter der Kniescheibe

Die Beschwerden entwickeln sich häufig schleichend und können ein oder beide Knie betreffen. Typisch sind:

  • Dumpfe, schwer abgrenzbare Schmerzen vorne oder hinter der Kniescheibe
  • Stärkere Schmerzen beim Treppensteigen, besonders abwärts, bei Kniebeugen, Sprüngen oder Bergablaufen
  • Beschwerden nach längerem Sitzen mit gebeugtem Knie, das sogenannte «Kinozeichen»
  • Gelegentlich Knirschen oder Reiben bei Bewegungen, wobei eine geringe Schwellung möglich ist

Ein Knirschen allein ist kein Beweis für einen Knorpelschaden. Eine deutliche Schwellung passt weniger gut zu einem unkomplizierten PFSS und sollte abgeklärt werden.[1]

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen sind meist vielfältig. Die Frage ist, wie stark das Knie belastet wird und wie gut es diese Belastung verträgt.[2] Betroffen sind beispielsweise Läuferinnen und Läufer, Menschen mit sprungintensiven Sportarten sowie Jugendliche. In manchen untersuchten Gruppen sind Frauen häufiger betroffen.[1]

Muskuläre Dysbalancen und Beinachse

Bei Betroffenen sind mitunter der vordere Oberschenkelmuskel (Quadrizeps) oder die Hüftmuskulatur weniger kräftig. Auch eine nach innen kippende Kniebewegung beim Landen, eine ausgeprägte Fusspronation oder eingeschränkte Beweglichkeit können relevant sein. Anatomische Varianten wie eine hochstehende Kniescheibe oder eine flache Gleitrinne spielen bei einzelnen Personen eine Rolle.

Allerdings ist nicht jede X-Bein-Stellung oder vermeintliche Muskeldysbalance eine nachgewiesene Ursache. Insbesondere eine schwache Hüftmuskulatur lässt sich nicht generell als Auslöser bezeichnen. Ausschlaggebend ist, welche Auffälligkeiten im konkreten Fall mit den Beschwerden zusammenhängen.[3,4]

Überlastung und Trainingsfehler

Ein schneller Anstieg der Laufkilometer, intensive Bergabpassagen oder der Wiedereinstieg nach einer Sportpause können Beschwerden begünstigen. Auch ungewohnte Schuhe oder veränderte Trainingsbedingungen verdienen Aufmerksamkeit. Ähnliche Überlastungsmuster finden sich bei anderen häufigen Sportverletzungen. Statt jede Bewegung zu vermeiden, sollte die Belastung zunächst besser dosiert werden.

Wie das patellofemorale Schmerzsyndrom festgestellt wird

Die Diagnose erfolgt in erster Linie durch das Gespräch und die körperliche Untersuchung. Ärztin, Arzt oder Physiotherapeutin beziehungsweise Physiotherapeut prüfen Schmerzort, Trainingsverlauf, Beweglichkeit, Kraft und Bewegungsabläufe. Kniebeugen, einbeinige Kniebeugen und das kontrollierte Absteigen von einer Stufe (Step-down) können typische Beschwerden auslösen.

Medizinische Fachperson untersucht das Knie eines sitzenden Patienten bei ausgestrecktem Bein.
Eine medizinische Fachperson stützt den Unterschenkel eines sitzenden Patienten und tastet sein Knie ab. Das Bild zeigt eine klinische Untersuchung bei Schmerzen im Bereich des Kniegelenks.

Röntgen oder MRT sind bei einem typischen Verlauf meist nicht erforderlich. Bei unklaren Befunden oder Verdacht auf andere Ursachen, etwa Meniskusschäden oder Arthrose, kann Bildgebung sinnvoll sein.[2,5] Nach einem Unfall, bei deutlicher Schwellung, Blockaden oder Instabilität ist eine ärztliche Untersuchung angezeigt.

Behandlung des patellofemoralen Schmerzsyndroms

Die Behandlung ist normalerweise konservativ. Gezieltes Training und eine verständliche Anleitung zur Belastungssteuerung bilden die Grundlage.[6,7] Eine Operation ist beim isolierten PFSS selten angezeigt. Erst nach mindestens sechs Monaten erfolgloser konservativer Therapie kann sie bei anhaltend schweren Beschwerden und nachgewiesenen strukturellen Ursachen erwogen werden.[7] Wiederholte Patellaluxationen sind davon abzugrenzen.

Belastung anpassen statt komplett pausieren

Reduzieren Sie vorübergehend Aktivitäten, die Ihre Beschwerden deutlich verstärken, etwa tiefe Kniebeugen, Sprünge oder lange Bergabstrecken. Oft bleiben flaches Velofahren oder Schwimmen möglich, sofern sie gut vertragen werden. Kühlung kann sich bei akuter Reizung angenehm anfühlen, ersetzt aber kein Training.

Als Orientierung gilt: Leichte, vorübergehende Schmerzen können bei Übungen tolerierbar sein. Nehmen die Beschwerden deutlich zu oder sind sie am Folgetag stärker als zuvor, war die Belastung wahrscheinlich zu hoch. Dann sollten Umfang oder Intensität reduziert werden.[7,8]

Behandlung mit Physiotherapie

In der Sportphysiotherapie wird zunächst geprüft, welche Bewegungen Beschwerden auslösen und welche Belastung aktuell möglich ist. Darauf baut ein stufenweise gesteigertes Programm zur Kräftigung von Quadrizeps und Hüftmuskulatur auf. Bei Laufbeschwerden können Schrittfrequenz, Laufumfang und Bewegungsabläufe angepasst werden.

Manuelle Therapie kann ergänzend kurzfristig unterstützen, sollte aber nicht allein eingesetzt werden.

Tapen und Kniebandage

Individuell angelegtes Patella-Taping bzw. Kinesio-Taping kann kurzfristig Schmerzen lindern und Übungen erleichtern. Die niederländische Leitlinie sieht Tape, Bandagen und Einlagen als mögliche Ergänzung vor, wenn ein Übungsprogramm nach sechs bis zwölf Wochen nicht ausreichend hilft.[5,7]

Übungen bei patellofemoralem Schmerzsyndrom

Folgende Übungen können Teil eines abgestimmten Trainingsprogramms sein:

  • Seitstütz: Stützen Sie sich seitlich auf den Unterarm und heben Sie das Becken kontrolliert an, um die seitliche Hüftmuskulatur zu beanspruchen.
  • Monster Walk: Gehen Sie mit einem Widerstandsband oberhalb der Knie bei leicht gebeugten Beinen in kleinen diagonalen Schritten vorwärts und rückwärts.
  • Step-down: Senken Sie von einer niedrigen Stufe den freien Fuss langsam Richtung Boden, ohne das Standbein unkontrolliert nach innen kippen zu lassen.
Sportlerin führt eine Kniebeuge mit Widerstandsband oberhalb der Knie zur Kräftigung der Beinmuskulatur durch.
Eine Sportlerin führt im Freien eine Kniebeuge mit Widerstandsband um die Oberschenkel aus. Die Übung trainiert Bein- und Hüftmuskulatur und kann bei vorderen Knieschmerzen eingesetzt werden.

Führen Sie die Übungen möglichst schmerzarm aus. Schwierigkeit, Wiederholungen und Belastung sollten sich nach Ihren Beschwerden richten. Eine betreute Medizinische Trainingstherapie (MTT) kann den schrittweisen Aufbau unterstützen.[6]

Fazit: Beim patellofemoralen Schmerzsyndrom hilft aktives Training mehr als Schonung

Vorderer Knieschmerz lässt sich häufig durch angepasste Belastung und gezieltes Kräftigungstraining bessern. Wichtig sind ein nachvollziehbarer Trainingsplan und Geduld, denn Beschwerden können hartnäckig sein. Wenn Sie Unterstützung benötigen, können Sie PhysioWelt in Schlieren kontaktieren oder direkt einen Termin buchen.

Häufige Fragen zum patellofemoralen Schmerzsyndrom (FAQ)

Wie lange dauert ein patellofemorales Schmerzsyndrom?

Erste Verbesserungen können innerhalb einiger Wochen auftreten. Ein Übungsprogramm dauert zunächst meist sechs bis zwölf Wochen. Bei manchen Betroffenen halten die Schmerzen jedoch über Monate oder länger an. Eine schnelle Rückkehr zur vollen Belastung kann Beschwerden erneut verstärken.[2,7]

Darf ich mit einem patellofemoralen Schmerzsyndrom joggen?

Oft ja, sofern Sie Laufstrecke und Tempo reduzieren und zunächst flache Strecken wählen. Entscheidend ist, wie das Knie während des Laufens und am Folgetag reagiert. Bei deutlicher Verschlechterung empfiehlt sich eine vorübergehende Anpassung.[8]

Kann das patellofemorale Schmerzsyndrom zu Arthrose führen?

Nicht zwangsläufig. Ein möglicher Zusammenhang mit späterer Kniearthrose wird untersucht, aber ein zwangsläufiger oder eindeutig ursächlicher Übergang ist nicht belegt. Auch eine Chondropathia patellae, also eine Knorpelveränderung an der Kniescheibe, ist nicht mit PFSS gleichzusetzen.[1]

Hilft eine Kniebandage beim PFSS?

Einige Betroffene empfinden kurzfristige Unterstützung. Wissenschaftlich ist ein verlässlicher Nutzen von Kniebandagen bei PFSS aber nicht ausreichend belegt. Ausschlaggebend bleibt die aktive Behandlung.[5,7]

Warum schmerzt das Knie nach langem Sitzen?

Bei länger gebeugtem Knie kann die Belastung im Patellofemoralgelenk Beschwerden provozieren. Dieses sogenannte Kinozeichen kann nachlassen, wenn Sie die Sitzposition wechseln, aufstehen oder das Bein zwischendurch strecken.[1]

Wann sollte ich mit Knieschmerzen vorne zum Arzt?

Nach einem Unfall sowie bei deutlicher Schwellung, Blockieren, Wegknicken, ausgeprägtem Ruhe- oder Nachtschmerz sollten Sie ärztlichen Rat einholen. Das gilt auch, wenn sich die Beschwerden trotz angepasster Belastung über mehrere Wochen nicht bessern.

Quellen

[1] Crossley KM, Stefanik JJ, Selfe J, Collins NJ, Davis IS, Powers CM, et al. 2016 Patellofemoral pain consensus statement from the 4th International Patellofemoral Pain Research Retreat, Manchester. Part 1: Terminology, definitions, clinical examination, natural history, patellofemoral osteoarthritis and patient-reported outcome measures. Br J Sports Med. 2016;50(14):839–843. doi:10.1136/bjsports-2016-096384.

[2] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Vorderer Knieschmerz (patellofemoraler Schmerz) [Internet]. Köln: IQWiG; 2024.

[3] Neal BS, Lack SD, Lankhorst NE, Raye A, Morrissey D, van Middelkoop M. Risk factors for patellofemoral pain: a systematic review and meta-analysis. Br J Sports Med. 2019;53(5):270–281. doi:10.1136/bjsports-2017-098890.

[4] Powers CM, Witvrouw E, Davis IS, Crossley KM. Evidence-based framework for a pathomechanical model of patellofemoral pain: 2017 patellofemoral pain consensus statement from the 4th International Patellofemoral Pain Research Retreat, Manchester, UK: part 3. Br J Sports Med. 2017;51(24):1713–1723. doi:10.1136/bjsports-2017-098717.

[5] Willy RW, Hoglund LT, Barton CJ, Bolgla LA, Scalzitti DA, Logerstedt DS, et al. Patellofemoral pain. J Orthop Sports Phys Ther. 2019;49(9)–CPG95. doi:10.2519/jospt.2019.0302.

[6] Neal BS, Lack SD, Bartholomew C, Morrissey D. Best practice guide for patellofemoral pain based on synthesis of a systematic review, the patient voice and expert clinical reasoning. Br J Sports Med. 2024;58(24):1486–1495. doi:10.1136/bjsports-2024-108110.

[7] Ophey M, Koëter S, van Ooijen L, van Ark M, Boots F, Ilbrink S, et al. Dutch multidisciplinary guideline on anterior knee pain: Patellofemoral pain and patellar tendinopathy. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2025;33(2):457–469. doi:10.1002/ksa.12367.

[8] Esculier JF, Bouyer LJ, Dubois B, Fremont P, Moore L, McFadyen B, et al. Is combining gait retraining or an exercise programme with education better than education alone in treating runners with patellofemoral pain? A randomised clinical trial. Br J Sports Med. 2018;52(10):659–666. doi:10.1136/bjsports-2016-096988.

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